Historische Akten aus dem Archiv der Gothaer Versicherung

Meilensteine: 1820 bis 1922/23

1825/1830


Wenn die Beiträge nicht reichen – die Nachschuss­pflicht

Falls in einem Jahr so viele Brandschäden anfallen, dass die Beiträge für die Schadenzahlungen nicht ausreichen, besteht in den Gegenseitigkeitsvereinen Ernst Wilhelm Arnoldis eine Nachschussverpflichtung. Diese beträgt in der Feuerversicherung ab dem ersten Geschäftsjahr 1821 zunächst das Achtfache des im Voraus bezahlten Jahresbeitrags. Zu der Nachzahlung verpflichten sich die Versicherten, indem sie einen Wechsel unterzeichnen. Da viele Kaufleute eine Versicherung abschließen, wächst der Bestand und damit die Sicherheit – der Nachschuss kann 1825 auf das Vierfache gesenkt werden. Gleichzeitig wird die Beschränkung auf den Handelsstand aufgehoben: In Zeitungsannoncen wirbt die Gothaer um "alle ordnungsliebende[n] Einwohner von unbescholtenem Rufe, mit Ausnahme der niederen Volksklasse". Mindestens 1000 Taler müssen versichert werden. Dem erweiterten Mitgliederkreis trägt ab 1830 der neue Name Rechnung: "Feuerversicherungsbank für Deutschland".

1820: "Plan der Feuer-Versicherungs-Bank für den deutschen Handelsstand": Die Gründung der Gothaer am 2. Juli 1820

1821: "Rührige und geschickte Propaganda": Der Aufbau des Agentennetzwerkes und das erste Geschäftsjahr

1822: "Eine zu reife Frucht, als dass sie nicht benagt werden sollte": Auseinandersetzungen in der Bank und Rücktritt

1827: "Mit Vergnügen": Gründung der "Lebensversicherungsbank für Deutschland"

1829

846 Policen verkauft: Start am 1. Januar 1829

Lebensversicherungsbank für Deutschland nimmt ihren Betrieb auf

Für die Lebensversicherung rührt Arnoldi kräftig die Werbetrommel. Denn es gibt in Deutschland zwar Sterbe-, Witwen- und Waisenkassen, die Lebensversicherung neuzeitlicher Prägung nimmt indes erst im Laufe des 19. Jahrhunderts Gestalt an.

"Die Lebensversicherung [ist] fast immer ein Werk der Liebe oder eine Maasregel": In Zeitungsartikeln und Prospekten klären Arnoldi und seine Unterstützer über Sinn und Zweck ihrer Lebensversicherungsanstalt auf und kämpfen auch gegen Zweifel an dieser Institution, "welche mit den scheinbar unbeständigsten, unsichersten und schwankendsten aller Verhältnisse – der menschlichen Lebensdauer –, rechnet".

Für den Verkauf der Lebensversicherungen nutzt man das Agentennetz der Schwestergesellschaft, der Feuer-Versicherungs-Bank. Zusätzlich wirbt das Unternehmen Agenten für einen eigenen Vertrieb an.

Am 1. Januar 1829 nimmt die Lebensversicherungsbank für Deutschland ihren Betrieb auf. Auf diesen Zeitpunkt datieren 846 Policen von 813 Personen. Die gesamte Versicherungssumme beläuft sich auf 1.452.100 Taler. Bankdirektor auf Lebenszeit wird Ernst Wilhelm Arnoldi.

Das Symbol einer brennenden und einer verlöschenden Fackel nimmt die Lebensversicherungsbank bald nach ihrer Gründung in ihr Logo auf. Auch zum 125jährigen Jubiläum wurde es wiederverwendet.
Erfolgsbilanz: Werbung der Gothaer Lebensversicherungsbank auf Gegenseitigkeit im Jahre 1904

1902


Die Gegenseitigkeit im Firmennamen

Eine staatliche Versicherungsaufsicht erhält Deutschland ab 1. Januar 1902. Zum einen ist der Staat an einer soliden Entwicklung des Versicherungswesens interessiert, das einen Wirtschaftsfaktor darstellt, zum anderen geht es um Schutz für den Versicherungsnehmer. Die Versicherungen müssen nun ihre Rechtsform im Namen tragen. Die Agenten der Feuerversicherung aus Gotha verkaufen daher ab 1. Dezember 1902 Versicherungen der "Gothaer Feuerversicherungsbank auf Gegenseitigkeit". Das Produktportfolio wird langsam erweitert: Es kommen Feuer-Betriebs-Unterbrechungs-Versicherung (1911), Einbruch-Diebstahl-Versicherung (1913) sowie die Aufruhr-Versicherung (1921) hinzu. Außerdem senkt die Gothaer Feuerversicherung ihre Nachschusspflicht 1910 auf das Doppelte einer Jahresprämie, 1931 weiter auf die Hälfte.

1922/23


"Festmark-Versicherung" gegen die Inflation

Die Hyperinflation der 1920er Jahre stürzt die Versicherungsbranche in ihre bis dahin schwerste Krise: Die Sachversicherer müssen die Versicherungssummen ständig an den sinkenden Geldwert und die immer schneller steigenden Baukosten und Sachwerte anpassen. Durch die permanente Unterversicherung wird der Versicherungsschutz praktisch wertlos. Außerdem übersteigen durch die ständigen Vertragsanpassungen die Verwaltungskosten bald die Prämieneinnahmen. Die Gothaer Lebensversicherung hat zudem ihr Deckungskapital im Ausland vorschriftsgemäß in Mark angelegt, die jetzt zu Nichts zerrrinnt. Während Aktiengesellschaften ihre Substanzverluste durch Ausgabe neuer Aktien ausgleichen können, droht den Gegenseitigkeitsvereinen der Ruin.

Der Gothaer Feuerversicherung gelingt das Überleben in der Krise durch die Einführung der "Festmark-Versicherung", bei der die Prämie bar eingezahlt und im wertbeständigeren Goldzollkurs gutgeschrieben wird, sowie der Goldmarkversicherung auf Dollarbasis. Damit Neukunden nicht für alte Risiken haften müssen, wird im Herbst 1922 die "Neue Gothaer Lebensversicherungsbank a.G." gegründet.

Erst die Einführung der "Rentenmark" 1923 und der "Reichsmark" 1924 sorgen wieder für Stabilität. Am 30. November 1926 werden die beiden Gothaer Lebensversicherungsbanken zusammengeschlossen.

100-Billionen-Mark: Geldscheine während der Hyperinflation