
Auf der Straße von Burgós nach Léon, einem Teilabschnitt des berühmten Jakobsweges, passiert man täglich Dutzende von Pilgertrupps. Doch dieser Anblick ist selten: Eine kleine Gruppe Franzosen schleppt bei 30 Grad im Schatten nicht nur die Last ihrer Rucksäcke, sondern auch eine riesige Marienstatue. Vier Träger schultern ein Brett, und darauf schwankt die Mutter Gottes ihrem Ziel entgegen
- der Pilgerstadt Santiago de Compostela.
Am nächsten Morgen, die Franzosen sind schon bei Sonnenaufgang weitergezogen, treffen wir in einem Café im traditionsreichen Pilger-Rastplatz Carrión de los Condes Hans aus Wien. Er war zu schlecht auf die Lauferei vorbereitet und bietet jetzt einen erbarmungswürdigen Anblick: Die Fußsohlen mit Blasen übersät, zu keinem Schritt mehr fähig, muss er den Plan begraben, zu Fuß nach Santiago zu kommen. Zum Glück gibt es ja Busse
- und Leidensgenossen, denen es auch nicht viel besser geht. Kein Café, keine Bar am Rande des Pilgerpfades ohne Radler und Wanderer, die mit Hingabe ihre Blessuren
pflegen.
Zu Beginn des 9. Jahrhunderts entdeckte ein Eremit in Santiago das vermeintliche Grab des Apostels Jakobus des Älteren
- und löste damit einen bis heute ungebrochenen Pilger-Boom aus. Ob als Wanderer, Radler oder zu Pferde, ob aus sportlichem Ehrgeiz oder aus spirituellen Gründen: Wallfahrer aus der ganzen Welt nehmen Jahr für Jahr den gut ausgeschilderten "Camino de Santiago" in
Angriff.
Wer lieber bequem reisen und Kultur genießen möchte, der kommt entlang des Jakobsweges ebenfalls auf seine Kosten: Kirchen und Klöster sind, bedingt durch den jahrhunderte-währenden Pilgerstrom, allgegenwärtig
- und Städte wie Burgos, Léon und natürlich Santiago selbst bieten viel Sehenswertes. Die Kathedrale Santa María de Regla in Léon beispielsweise besitzt weltberühmte und beeindruckende Glasfenster. (Achtung: In Spanien können auch Kirchen über die Mittagszeit
- zwischen 13.00/14.00 Uhr bis 16.00/16.30 Uhr - geschlossen sein. So auch die in Léon! Am besten tut man's den Spaniern gleich und genießt in dieser
Zeit ein leichtes Mittagessen.)
Auch in Santiago machen die zahlreichen Restaurants in der Altstadt zu dieser Zeit ein gutes Geschäft. Frisch gestärkt, kann man sich beim anschließenden Bummel durch die wohl schönste Stadt Nordspaniens kaum verlaufen
- die Kathedrale ist ein guter Orientierungspunkt. Am besten beginnt man den Besuch hier, am Ziel all jener, die sich tage- oder gar wochenlang über den Jakobsweg gequält
haben.
Drinnen stehen Gläubige und Pilger in langen Schlangen an, um durch einen schmalen Gang hinter eine goldene Jakob-Statue zu treten und den Heiligen zu berühren. Auf keinen Fall entgehen lassen sollte man sich das Spektakel, wenn der riesige silberne Weihrauchbehälter, der "botafumeiro", mit Hilfe eines ausgeklügelten Seilsystems und mit rasender Geschwindigkeit durch das Querschiff geschwenkt wird. Zum Abschluss brandet Applaus auf in der Kirche
- bei den temperamentvollen Spaniern ist das keineswegs
tabu.
Am stilvollsten, wenn auch nicht ganz billig, wohnt man in Santiago im Hotel de los Reyes Católicos, am Plaza del Obradoiro, direkt neben der Kathedrale. Einen Kaffee trinken oder eine Kleinigkeit essen sollte man in diesem wunderschönen Parador
- so heißen zu Hotels umgebaute ehemalige Klöster oder Hospitäler
- aber in jedem Fall.
Tipp: Wer nach langen Autofahrten und anstrengenden Besichtigungen ein paar ruhige Tage in Galicien verbringen möchte, der sollte sich das Hotel Pazo Carrasqueira im kleinen Örtchen Sisán bei Ribadumia anschauen. Ribadumia liegt in der Nähe des Küstenortes Cambados, der "Hauptstadt des AlbariÔo-Weins", das wegen seiner zahlreichen kleinen und größeren Paläste sowieso einen Besuch wert ist. Im sorgfältig renovierten und stilvoll eingerichteten Pazo Carrasqueira in Sisán kann man gut wohnen und im urigen Kellergewölbe des Restaurants auch ausgezeichnet essen.
Der Ort ist ein guter Ausgangspunkt für Ausflüge in die Umgebung: Zum Beispiel nach Villagarcia de Arousa (nettes Hafenstädtchen), nach O Grove mit seinen zahlreichen guten Fischrestaurants, zur Insel A Toxa, ein kleines Eiland mit Golfplatz, Tophotels und sehenswerten Villen und ins Landesinnere nach Caldas de Reis (bekannt wegen seiner heißen und heilsamen Quellen).