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Behinderte reisen um die Welt

Behindertenreisen


Katja und ich landen bei herrlichem Wetter in Vancouver. Die erste Nacht verbringen wir im Hotel. Am nächsten Tag übernehmen wir unser gemietetes Wohnmobil. Die Situation ist für uns beide neu und ungewohnt: Als wir vier Jahre zuvor den Plan schmiedeten, gemeinsam die Natur Kanadas zu erkunden, war ich noch nicht behindert. Jetzt sitze ich im Rollstuhl.

Vor ein paar Jahren hat der Arzt Multiple Sklerose (MS) diagnostiziert. Als mir das Laufen zunehmend schwer fiel, habe ich den Rollstuhl letztlich als Befreiung erlebt, weil er meinen Aktionsradius wieder erweiterte und die Abhängigkeit von der Hilfe anderer Leute reduzierte.

Katja hat sich auf das Abenteuer einer gemeinsamen Reise unter veränderten Vorzeichen eingelassen, obwohl ich sie beispielsweise beim Autofahren nicht ablösen kann. Da ich davon ausgehe, dass ich mit meinem Rollstuhl viele Touren in den Nationalparks und Naturreservaten nicht mitmachen werde, habe ich jede Menge Lesestoff eingepackt.

Aber Kanada ist anders: Das fängt bei den Toiletten und Duschen auf den Campingplätzen an, die ich meist problemlos benutzen kann. Auch die Menschen gehen "normaler" mit mir um: Keiner versucht, mich ungefragt wegzuschieben oder schenkt mir mitleidsvolle Blicke. Wenn ich mich eine Steigung hochkämpfe, ruft der überholende Fußgänger: "It´s a good training, isn´t it or do you need a helping hand?" (Das ist ein gutes Training, nicht wahr? Oder brauchen Sie Unterstützung?).

Sogar die Naturschönheiten sind zu weiten Teilen zugänglich: Die Wege zu den meisten Wasserfällen und sonstigen Aussichtspunkten sind so angelegt, dass auch ich sie recht problemlos benutzen kann. Ein unvergessliches Erlebnis habe ich im Pacific Rim National Park auf Vancouver Island, einer der Westküste Kanadas vorgelagerten Insel. Hier gibt es einen etwa ein Kilometer langen Wanderpfad durch ein Feuchtgebiet hinter den Dünen. Dank eines Holzbohlenweges kann ich problemlos ganz in der Natur sein. Katja ahnt wohl, was das für mich bedeutet: Sie bleibt beim Auto, während ich den Weg gleich dreimal hintereinander zurücklege. Ich rieche die salzige Luft, spüre den Wind im Gesicht und lausche dem Kreischen der Möwen.

Nach fünf erlebnisreichen Wochen landen wir wieder in Frankfurt. Die meisten meiner Bücher sind noch ungelesen. Nach der Verabschiedung von Katja rolle ich zur nächsten Damentoilette und suche vergeblich eine barrierefreie Kabine. "Ach ja, wir sind ja wieder in Deutschland," wird mir schlagartig bewusst und ich begebe mich auf die lange Suche nach einer zugänglichen Toilette. Kanada war anders.

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